Home » Helden*Innen von Morgen » Mut zum Wertewandel!
HELD*INNEN

Mut zum Wertewandel!

iStock/piyush ghedia

Offenheit für andere Maßstäbe und eine Veränderung im Denken braucht es nicht nur in Genderfragen. Univ.-Prof. Dr. phil. Helga Kromp-Kolb ist als Meteorologin und Klimaforscherin und als „Wissenschafterin des Jahres“ 2005 eine Frau, die ihr Leben und Wirken dem Klimawandel verschrieben hat.

avatar

Univ.-Prof. Dr. phil. Helga Kromp-Kolb

Leiterin des Zentrums für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit, BOKU Wien

Was reizt und reizte Sie an der Meteorologie und der Klimaforschung?

Zu Anbeginn war es die Nähe zur Natur, die mich an der Meteorologie gereizt hat, und ich habe mir – völlig naiv – ein berufliches Leben im Freien, in der Natur vorgestellt. Sehr bald hat mich aber die gesellschaftspolitische Relevanz der Forschung interessiert – zuerst noch im Zusammenhang mit der Ausbreitung konventioneller Schadstoffe aus Industrie, Verkehr und Haushalten.

Mit dem Unfall von Tschernobyl erweiterte sich das Aufgabengebiet um die Ausbreitung radioaktiver Substanzen und die gesamte Frage des nuklearen Risikos. Zuletzt wurde die Klimaproblematik immer dringlicher, die nicht nur spannende, naturwissenschaftliche Fragen aufwirft, sondern auch eine ungeheure Herausforderung in der Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse darstellt.

Sie führt zudem unmittelbar zu Fragen der Verantwortung von WissenschafterInnen und der Aufgabe und Rolle von Universitäten.

Welcher Motivation folgen Sie in Ihrem Beruf?

Ich möchte einen Beitrag zur Lösung der großen, globalen Herausforderungen leisten, weil ich diese Herausforderungen beruflich bedingt klar erkenne – auch die darin enthaltenen Bedrohungen und Chancen. Ich sehe es als meine Pflicht an, die Gesellschaft (Öffentlichkeit, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft) auf die Probleme, die möglichen Lösungswege und die Chancen aufmerksam zu machen und sie zu ermutigen, die notwendigen Schritte zu setzen.

Ich konzentriere mich dabei einerseits auf die Unversitäten als Bildungsstätte künftiger EntscheidungsträgerInnen, andererseits auf Österreich. Als reiches Land mit aufgeschlossenen, naturliebenden Menschen könnte Österreich eine Vorreiterrolle spielen. Leider sind wir davon weit entfernt.

Dafür bin ich zwar nicht verantwortlich, aber ich möchte den jungen Menschen guten Gewissens sagen können: Im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich getan, was ich kann, um ihnen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.   

Welche Rolle spielen dabei Ihre Professur und die wissenschaftliche Forschung?

Die wissenschaftliche Forschung ermöglicht es mir, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, und Problemem nachzugehen, die mich faszinieren; die Professur bedeutet einerseits, dass ich von den österreichischen SteuerzahlerInnen finanziert werde, denen ich mich daher auch verpflichtet fühle, andererseits eröffnet sie mir Möglichkeiten mit vielen Menschen, insbesondere auch jungen Menschen, in Kontakt zu kommen und mit diesen über die Probleme und ihre Lösungen zu diskutieren. Dabei lerne ich mindestens soviel wie meine GesprächspartnerInnen.

Wo muss Klimawandel Ihrer Meinung nach (jetzt) ansetzen, in der Bildung, der Politik oder der Gesellschaft?

Auf allen Ebenen und in allen Sektoren – und erfreulicherweise gibt es immer mehr Menschen in unterschiedlichsten Umfeldern, die daran arbeiten. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen verschiedenster Menschen und Organisationen, es gibt immer mehr gewohnheitsbildende und strukturändernde Maßnahmen, wie z.B. Radwege, preiswerte Öffi-Fahrscheine, Verordnungen und Vorschriften, die Nachhaltigkeit oder Treibhausgasemissionen als Entscheidungskriterien enthalten, und auch die mentalen Konzepte beginnen sich bei vielen Menschen zu ändern.

Immer mehr Menschen wird bewusst, dass  Reichtum, Prestige und Macht auf Dauer nicht befriedigen können, dass Konsum bestenfalls eine Ersatzbefriedigung ist und dass ein Wirtschaftssystem, dessen Stabilität vom Wachstum abhängt, keine Lösung darstellen kann.

Auf der nationalen, politischen Ebene geht manches in anderen Ländern viel schneller, aber auf der Ebene der Gemeinden und Regionen und auch bei immer mehr Wirtschaftstreibenden und Firmen können wir in Österreich durchaus mithalten. Das macht Mut.

Wie haben Sie Ihren Werdegang als Frau erlebt, möchten Sie speziell jungen Frauen davon etwas mitgeben?

Es gab in meinem Leben nur wenige wichtige Entscheidungen, an denen ich den Eindruck hatte, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin, eine Rolle – positiv oder negativ – gespielt hat. Aber ich habe dieser Frage wenig Gewicht beigemessen. Mir waren immer meine Aufgaben, meine Ziele wichtiger als die Genderfrage.

Natürlich gab es Enttäuschungen, Hindernisse, Rückschläge – vielleicht mehr, weil ich Frau bin. Wenn man aber für eine Sache kämpft – und damit meine ich nicht die persönliche Karriere – dann findet man neuen Mut, neue Wege und Menschen, die einen bestärken und stützen.

Mein Rat an junge Menschen, insbesondere junge Frauen: Eine Aufgabe suchen, der man sich widmen will, diese im Blick behalten, durch Rückschläge nicht entmutigen lassen und an Gelungenem erfreuen. Geduld, es geht nicht alles gleich morgen – das muss ich mir selbst immer wieder vorsagen. Aber rückblickend hat sich schon sehr viel in die aus meiner Sicht richtige Richtung verändert.

Next article